Die Geschichte des Bodenseerates

Wie aus einer Vision eine Institution wurde – und warum 1991 der richtige Moment war.

Der europäische Aufbruch als Ausgangspunkt

Ende der 1980er-Jahre befand sich Europa in einer historischen Umbruchsphase. Der Fall des Eisernen Vorhangs, die bevorstehende Vollendung des europäischen Binnenmarkts 1992 und die wachsende Debatte über ein Europa der Regionen schufen ein Klima, in dem viele Menschen erkannten: Die großen Chancen der europäischen Integration würden nur dann zum Tragen kommen, wenn auch die Regionen zusammenwuchsen – politisch, wirtschaftlich und kulturell.

In dieser Aufbruchsstimmung begannen zwei Konstanzer Persönlichkeiten miteinander zu sprechen: Dr. Robert Maus, Landrat des Landkreises Konstanz, und Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Horst Sund, Rektor der Universität Konstanz von 1976 bis 1991. Nach zahlreichen Gesprächen und einer sorgfältigen Bewertung der politischen und wirtschaftlichen Situation in Deutschland, seinen Nachbarn und in Europa kamen sie zu einer Überzeugung: Der Bodenseeraum verfügt über alle Voraussetzungen für eine vorbildliche grenzüberschreitende Region – eine gemeinsame Sprache, eine gewachsene gemeinsame Geschichte und Kultur, eine dichte wirtschaftliche Verflechtung und eine Lage im Herzen Europas. Was fehlte, war der gemeinsame Wille und ein organisatorischer Rahmen, um diese Chancen zu ergreifen.

Das 1. Bodenseeforum 1989

Die Geburtsstunde der Euregio Bodensee

Im Jahr 1989 luden Maus und Sund zum 1. Bodenseeforum an die Universität Konstanz ein. Das Thema war programmatisch: „Aufbruch nach Europa – Chancen und Perspektiven des Bodenseeraumes nach 1992.“

Die Teilnehmer – Regierungschefs und Wirtschaftsvertreter aus der gesamten Bodenseeregion – versammelten sich zu einer Debatte, die weit über eine akademische Tagung hinausging. Zu den Referenten gehörten:

  • Lothar Späth, Ministerpräsident von Baden-Württemberg
  • Kurt Furgler, Alt-Bundesrat der Schweiz
  • Hans Brunhart, Regierungschef des Fürstentums Liechtenstein
  • Martin Purtscher, Landeshauptmann von Vorarlberg a.D.

Die Redner waren sich einig: Das künftige Europa könne nur ein Europa der Regionen sein. Die Bodenseeregion mit ihrer einmalig günstigen Ausgangssituation – gleiche Sprache, gemeinsames kulturelles Fundament, wirtschaftliche Stärke – könne Modell und Vorreiterin sein. In dieser Tagung fiel erstmals der Begriff der „Euregio Bodensee“ – ein Name, der fortan die Vision einer grenzüberschreitenden Heimatregion im Herzen Europas bezeichnen sollte.

Das 2. Bodenseeforum 1991

Vom Gespräch zur Tat

Bestätigt und beflügelt durch die Ergebnisse des ersten Forums luden Maus und Sund 1991 zum 2. Bodenseeforum ein. Das Leitwort: „Wirtschafts- und Wissenschaftsregion Bodensee – Chancen internationaler Zusammenarbeit.“ Schirmherren waren diesmal Dr. Helmut Kohl (Bundeskanzler), Dr. Flavio Cotti (Mitglied des Schweizer Bundesrats) und Dr. Franz Vranitzky (Bundeskanzler Österreichs) – ein Beleg für das politische Gewicht, das die Initiative inzwischen gewonnen hatte.

Unter den Rednern fanden sich unter anderem Erwin Teufel, Martin Purtscher, Adolf Ogi, Peter Gauweiler und Dietrich A. Boesken – und alle sprachen sie von der „Euregio Bodensee“ als einer realen Perspektive, nicht mehr nur als Vision. Das Ergebnis der Tagung war unmissverständlich: Die Chancen der Bodenseeregion sind so gut, dass nicht mehr nur diskutiert, sondern gehandelt werden muss. Ein Organ war nötig, das für die gesamte Region sprechen und konkret handeln kann – kein Parlament, aber ein Rat. Horst Sund und Robert Maus wurden beauftragt, ein Gründerforum vorzubereiten.

25. September 1991

Das Gründungsforum auf der MS Mainau

Am 25. September 1991 fand das Gründungsforum an Bord der MS Mainau statt. Eingeladen wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der beiden vorangegangenen Bodenseeforen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein.

In diesem denkwürdigen Rahmen wurden die Grundlagen des künftigen Bodenseerates gelegt: Die geografische Abgrenzung der Bodenseeregion wurde verbindlich festgelegt. Die Zahl der Mitglieder wurde zunächst auf 44, später auf 55 bestimmt. Bewusst wurde die Verteilung so gestaltet, dass Deutschland insgesamt einen Sitz weniger hält als alle anderen Mitgliedsstaaten zusammen – ein starkes Signal für das gleichberechtigte Miteinander in einer Region, die historisch von deutschen Einflüssen geprägt war, sich nun aber ausdrücklich als gemeinsame, gleichwertige Euregio verstehen sollte.

Die Mitglieder sollten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik kommen und in ihre Positionen gewählt oder berufen worden sein – kein Selbstergänzungsgremium von Freunden, sondern ein Rat von Menschen mit gesellschaftlicher Verantwortung und demokratischer Legitimation.

25. November 1991

Die Gründungssitzung auf dem Gebhardsberg

Horst Sund lud zur konstituierenden Sitzung des neuen Rates ein – sie fand am 25. November 1991 auf dem Gebhardsberg in Bregenz statt, mit Blick über den gesamten See, dem Sinnbild der neuen Region. Dort wurde der erste Präsident gewählt, drei Vizepräsidenten ernannt und sieben Arbeitsgruppen gebildet.

Die Gründerväter

Dr. Robert Maus und Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Horst Sund gelten als die Gründungsväter des Bodenseerates. Beide wurden in Anerkennung ihrer außerordentlichen Verdienste zu Ehrenmitgliedern des Gremiums ernannt. Ohne ihre Überzeugungskraft, ihr politisches Gespür und ihre Fähigkeit, Menschen über Grenzen und Interessen hinweg zusammenzubringen, wäre aus der Idee einer Euregio Bodensee niemals eine lebendige Institution geworden.

Dr. Robert Maus

†2025

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Horst Sund

†2021